NeuroLeadership: Ist das fundierte und in der Praxis umsetzbare wissenschaftliche Erkenntnis oder ist NeuroLeadership nur die Vermarktung eines mit Intelligenz assoziierten Begriffs? Wie viel ist bereits «wissenschaftlich bewiesen»?

 

Um es vorneweg zu nehmen: NeuroLeadership kann bei einer sorgfältigen und wertschätzenden Anwendung zur Führung eines Unternehmens und zur Förderung von Führungskräften, in Kombination mit anderen Disziplinen, sehr gute Impulse und Inhalte für Entwicklungsprogramme liefern. Der Glaube an Neuro-Leadership, als für sich allein stehende Domäne, ist jedoch nicht ausreichend. Die Hinweise (auch ab und zu, voreilig als Fakten bezeichnet) die wir aus der Gehirnforschung erhalten, bestätigen Phänomene, die in der Psychologie über die letzten hundert Jahre postuliert wurden: „Die Psychologie kann sich heute ausruhen, während die Gehirnforschung beweist was Psychologen so alles behauptet haben.“ (Frei nach Gunther Schmid, Leiter des Milton-Ericksons Institut und der sysTelios Klinik in Heidelberg).

NeuroLeadership hat den Anspruch, die Erkenntnisse aus der Neurobiologie mit bekannten Managementtheorien zu verbinden. Der wesentliche Nutzen von NeuroLeadership ist ein „neuer“ Führungsstil, der durch eine breitere Reflexion über sich und seine Führungskompetenz, möglich werden „kann“. Was heisst „neu“ und „kann“?! NeuroLeadership macht besonders aus „weichen“ Themen, die in der humanistischen und lösungsorientierten Psychologie bekannt sind, salonfähig und ansprechbar für die Führungsetage. Es ist interessant und anschaulich, wie viel die Gehirnforschung zu den Themen:

  • bewerten und entscheiden
  • verhandeln und kommunizieren
  • beurteilen und belohnen
  • fördern und motivieren
  • verändern und aufbauen

liefern kann.

Besonders Phänomene, die z.B. im funktionalem Magnetresonanztomograph beobachtet werden, wie die starke Aktivierung des Frontalkortex (unser „planendes, entscheidendes und bewertendes“ Gehirn) wenn Menschen sich auf ein Ziel konzentrieren und dabei Details übersehen (Tunnelblick), kann interessante Assoziationen zum Thema Führung und Zielsetzung liefern.

Das Thema „den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen“, bekommt durch die Neurobiologie neue Impulse, die für die Führung eines Unternehmens sehr bedeutend sein können. Die Forschung um unser Gedächtnis und der Zusammenhang mit dem Lernen, bestätigen, dass Neues anschlussfähig sein muss, damit es weiterverarbeitet wird. Unser Ultrakurzzeitgedächtnis filtert ankommende Reize nach den Kriterien „bekannt“ und „relevant“, bevor dieser Reiz an das Arbeitsgedächtnis weitergeleitet wird. Findet unser Ultrakurzzeitgedächtnis keine Anknüpfung von diesem Reiz an bestehendem, wird der Reiz „ignoriert“. Dementsprechend werden Führungskräfte und Mitarbeitende erst über Themen reflektieren wollen, wenn für sie persönlich das Kriterium „bekannt“ und / oder „relevant“ erfüllt ist.

Erwin Wagenhofer mit seinem Film „Alphabet“ und Neurobiologen, wie Gerald Hüther, plädieren für die Genialität, die jeder Mensch mit sich bringt! Eine Genialität, die allerdings durch eindimensionale Schulbildung und zielorientiertem Führungsstil verkümmert! „Wir sind heute die Kümmerversion dessen, aus dem was aus uns hätte werden können“ (Gerald Hüther). Der Begriff der Neuroplastizität macht Mut, dass jeder Mensch sich bis zu seinem letztem Tag neuronal – und damit in seinem Charakter und Verhalten – entwickeln kann. Vorausgesetzt der Mensch erkennt einen Grund zur weiteren Entwicklung. Und darin liegt eine wesentliche Kunst im Umgang mit Neuroleadership: Führungskräfte und Mitarbeitende so zu berühren, dass sie einen Grund erkennen, sich zu entwickeln. Allerdings! Einmal ist keinmal! Auch dies wissen wir von der Neurobiologie, der Psychologie und den Managementtheorien. Damit Erkanntes im Führungsalltag wirksam wird und eine Haltungs- und Verhaltensänderung passiert, sind die Verhältnisse sichtbar und über eine ausreichende Zeit hinweg entsprechend zu ändern. Gerald Hüther spricht vom „Betriebsklima unseres Gehirns“. Andere würden den Begriff der Spiegelneuronen herbeiziehen, der allerdings etwas überstrapaziert wird. Tatsache ist, dass Menschen sehr gut und schnell eine Verhaltensveränderung aufnehmen können, wenn die Verhältnisse (Umwelt) entsprechend sie dazu anregt. Der wichtigste Impuls dazu ist: Vorbild bzw. lernen aus Imitation!

Zusammengefasst: In der Praxis machen wir sehr gute Erfahrung damit, die Genialität jedes Menschen durch Impulse aus der Neurobiologie anzuregen. Voraussetzung ist ein sehr wertschätzendes präsentieren der Impulse aus der Neurobiologie, die das Individuum persönlich berühren und zur Reflexion anregen. Denn erst, wenn es berührt, sind Menschen bereit, diese Impulse für sich und für andere zu reflektieren. So gesehen: Ja! Neurobiologie ist alter Wein in neuen Schläuchen! Allerdings wertschätzend und sorgfältig ausgeschenkt, kann dieser so gut schmecken, dass dieser Lust auf mehr macht – und tatsächlich den Geist im Wein weckt.

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